Die Hoalegans

"Die Hoalegans - Handelswaren aus Landscheid" von Walter Feltes

 

 Ein jahrhundertelanger Weg und unendlich gelaufene Kilometer lagen zwischen den Anfängen mit der Retz oder der kleineren geflochtenen "Hoat" auf dem Rücken, anschließend den kleinen Hundekarren oder Eselchen bis hin zu den fahrenden Wohnungen, umpackt mit Töpfen, Tiegeln, Bütten, Pfannen und allen erdenklichen Haushaltswaren: Den großen Händlerwagen, die pferdebespannt durch das ganze damalige Deutsche Reich zogen. Ein weiterer Wandel vollzog sich mit der Motorisierung ab 1930. Zugmaschinen ersetzten zunächst die Pferde. Später und bis heute wurden LKW mit zweckmäßigem Sonderaufbau versehen, der innen eine Wohneinheit enthält wie heutige Wohnmobile und drumherum Regale, Stellagen und Stauraum für die Waren. Das Grundprinzip blieb also seit den pferdegezogenen Handelswagen erhalten. Die Aufbauten werden wie eh und je vorwiegend in der Landscheider Schreinerei Follmann hergestellt.

Entsprechend der wachsenden Bevölkerung veränderte sich auch der Geschäftsbereich der Landscheider Händler. Lagen die weitesten Ziele bis Mitte des 19. Jahrhunderts in der Pfalz, im französischen Grenzbereich,im belgischen Venn und in der Kölner Bucht, so erweiterte sich dieser Radius in der großen Zeit des Gewerbes ab dem Ende des vorigen Jahrhunderts bis weit nach Ostpreußen, Pommern und ins Memelland im heutigen Litauen.

Eindeutige Nachweise über das Reisegebiet der Händler finden sich in den Taufregistern der Pfarrei. Geburtsorte wie Brandenburg, Tilsit, Memel, Danzig oder Insterburg sind durchaus keine Seltenheit.

In der Zeit um 1900, in seinen Blütejahren, hatte das Gewerbe die größte Verbreitung in der Bevölkerung. Allgemeiner großer Aufbruch war nach dem Patronatsfest, dem Gertrudistag (17. März).

Folgende Tagesetappen wurden von den pferdebespannten Händlerwagen zurückgelegt:

1. Tag Daun, 2. Tag Kelberg, 3. Tag Altenahr, 4. Tag Junkersdorf/Köln, 5. Tag Elberfeld, 6. Tag. Witten, 7. Tag Recklinghausen, am 8. Tag war man am Zwischenziel in Ahlen/Westfalen ange-kommen.

In Ahlen wurden in den Fabriken die Wagen mit neuen Waren bestückt, und das Geschäft und die große Fahrt begannen. Ein paar wandten sich später auch nach Süden, bis zum Bodensee hin.

Eltern und Kindern fiel der lange Abschied schon Tage vor der Abreise ungeheuer schwer; denn seit man mit den großen Handelswagen im ganzen Reich unter- wegs war, dauerte die Abwesenheit von daheim nicht nur Tage oder Wochen. Erst Ende Oktober kehrten die Händlerfamilien in die Heimat zurück.

Das Wiedersehen wurde mit Freuden gefeiert, meist an der Kirmes Anfang November.

Sie waren also wie Zugvögel, die Wildgänse, die der Volksmund hier "Hoalegäns" nennt.

Der befürchtete endgültige Niedergang des ambulanten Gewerbes u.a. erdrückende Konkurrenz der großen Einkaufszentren vollzog sich nicht. Heute gehen wieder einige junge Landscheider Kaufleute diesem nach.

Das Reisegebiet hat sich seit 1990, dem Jahr der Wiedervereinigung Deutschlands, wieder auf einige der alten "Routen" in die neuen Bundesländer erweitert. 

Bereits seit 1906 haben sich Händler und Gewerbetreibende im Handels- und Gewerbeverein zusammenge-schlossen, der ihre Interessen vertrat, die persönlich und finanziell unter-stützte, wo es erforderlich war und im Reichsverband in den 20er und 30er Jahren ein gewichtiges Wort mitredete. Seit einigen Jahren gehören auch die einheimischen Handwerker zu dieser lebendigen Gemeinschaft. 

Der weitbekannte Frühjahrsmarkt am letzten März-Wochenende jeden Jahres demonstriert eindrucksvoll die Leistungsfähigkeit der einheimischen Kaufleute und Betriebe. Und wer hautnah erleben will, wie sie früher lebten, die Händler, der kann in den historischen Handelswagen von 1900 steigen und sich bis hinauf nach Danzig denken, viele Meilen oder Kilometer, durch manche Gegend Deutschlands, in denen es auch weiter heißt: "Die Hoalegäns" kommen die Landscheider Händler auf ihrer Reise...